Einführungsvortrag zur Tagung 2020 von Martin Bruck-Peters

“Ich glaub’, ich bin hier falsch: Wie der Resonanzbegriff von Hartmut Rosa die Fremdheitsgefühle in unseren Schulen erklären hilft”

 

Liebe Mitglieder des vbn:, liebe Gäste,

als wir im letz­ten Jahr mit Vor­stand und Bei­rat zusam­men­sa­ßen, um die heu­ti­ge Tagung inhalt­lich zu pla­nen, haben wir zunächst Aspek­te gesam­melt, die uns aktu­ell und wich­tig erschie­nen. Bald stand eini­ges auf unse­rer Lis­te und wir haben über­legt: „Gibt es viel­leicht so etwas wie eine ver­steck­te bedeut­sa­me Gemein­sam­keit die­ser ver­schie­de­nen Aspek­te, die sozu­sa­gen „über allem im Raum schwebt“? Und plötz­lich sag­te jemand: „Gemein­sam ist hier doch das Grund­ge­fühl vie­ler: ‚Ich glaub‘, ich bin hier falsch.‘ “

In mei­nem Ein­füh­rungs­vor­trag möch­te ich heu­te ver­su­chen, einen wesent­li­chen Grund für die­ses (nicht nur in Schu­len) weit ver­brei­te­te Gefühl her­aus­zu­ar­bei­ten, man sei „hier falsch“. Dazu wer­de ich mich eines Begriffs bedie­nen, dem der Sozio­lo­ge Hart­mut Rosa eine beson­de­re aktu­el­le Bedeu­tung gege­ben hat: Es ist der Begriff der „Reso­nanz“. Sein ein­schlä­gi­ges Buch heißt mit vol­len Titel: „Reso­nanz – Eine Sozio­lo­gie der Weltbeziehung“.

Es geht Rosa also um die Bezie­hung des Men­schen zur Welt, und in unse­ren Schu­len geht es – eigent­lich – ja genau dar­um bzw. soll­te es gehen, und zwar sowohl hin­sicht­lich der Inhal­te („vor­be­rei­ten auf das Leben“, also hin­ein­füh­ren in die Welt), als auch hin­sicht­lich der sozia­len Bezie­hun­gen (Ver­hal­ten in Grup­pen, Umgang mit Auto­ri­tä­ten u. v. m.).

Also der Begriff „Reso­nanz“: Hart­mut Rosa defi­niert ihn – ver­kürzt gesagt – so:

  • „Reso­nanz ist eine Form der Welt­be­zie­hung, in der sich Sub­jekt und Welt gegen­sei­tig berüh­ren und zugleich transformieren. 
  • Reso­nanz ist kei­ne Ech­o­be­zie­hung, son­dern eine Ant­wort­be­zie­hung; sie setzt vor­aus, dass bei­de Sei­ten, also „Sub­jekt“ und „Welt“, mit eige­ner „Stim­me“ sprechen. 
  • Reso­nanz ist ein Bezie­hungs­mo­dus und gegen­über dem emo­tio­na­len Inhalt neu­tral. Daher kön­nen wir z. B. trau­ri­ge Geschich­ten lieben.“

Soweit der Begriff.

Es ist wich­tig zu beto­nen, dass es Hart­mut Rosa nicht nur um den Bezie­hungs­mo­dus zwi­schen Men­schen geht, son­dern auch um die Bezie­hun­gen zwi­schen dem Men­schen und … z. B. einer Land­schaft, einer Melo­die, einer Idee, … — die Welt sagt uns etwas, wir wer­den erreicht, etwas gewinnt Bedeu­tung für uns und dann erfolgt unse­re eige­ne akti­ve Ant­wort, eine Ant­wort, die übri­gens oft auch eine kör­per­li­che ist: Den­ken wir z. B. an die „Gän­se­haut“, den „roten Kopf“ oder den rasen­den Puls.

Unse­re eige­ne Ant­wort trägt uns umso wei­ter, je mehr wir selbst die Welt für erreich­bar hal­ten —   wohl­ge­merkt: für erreich­bar, nicht für ver­füg­bar; ein Moment der Unver­füg­bar­keit ist, so Rosa, für tat­säch­li­che Reso­nanz unerlässlich.

Die Über­zeu­gung, dass die Welt erreich­bar ist, kann sich schon im Blick aus­drü­cken. Hart­mut Rosa bezeich­net die Augen als „Reso­nanz­fens­ter“ und als das „zen­tra­le Reso­nanz­or­gan des Men­schen.“ Nach mei­ner Mei­nung wird die Bedeu­tung von Bli­cken gera­de auch im schu­li­schen All­tag immer wie­der unter­schätzt, im Gegen­satz dazu wird die Bedeu­tung des gespro­che­nen Wor­tes oft über­schätzt. Wenn wir uns an eine alte päd­ago­gi­sche Erkennt­nis erin­nern, so kön­nen wir sagen: Erzie­hung braucht Bezie­hung – und Bezie­hung braucht Blickkontakt.

Dazu ein ers­tes Blitz­licht aus dem Schul­all­tag: Ein Schü­ler ver­brei­tet Unru­he an sei­nem Platz im Klas­sen­raum. Dar­auf kann ich als Leh­rer mit einer bestimm­ten Art Blick reagie­ren, den nur die­ser eine Schü­ler oder ganz weni­ge, auf jeden Fall nicht alle sehen. Gera­de unter dem Bezie­hungs­aspekt ist so ein Blick oft hilf­rei­cher als eine Anspra­che mit Wor­ten, die alle hören, wodurch der Ange­spro­che­ne dann sofort ins Zen­trum der all­ge­mei­nen Auf­merk­sam­keit rückt.   Oft wird der Schü­ler dann hör­bar, viel­leicht laut­stark reagie­ren, es kann hin und her gehen, die Sache nimmt immer mehr Raum ein, wird viel­leicht zu einem Machtkampf.

Im Gegen­satz dazu der wort­lo­se Blick: Der Schü­ler sieht, dass ich ihn sehe und mei­ne und er hat die Chan­ce so zu reagie­ren, dass kaum jemand mei­ne Inter­ven­ti­on mit­be­kommt. Es wird wie­der ruhig, ohne dass vie­le in der Klas­se sagen könn­ten, warum.

Reso­nanz­erfah­run­gen, bei denen sich Sub­jekt und Welt begeg­nen und ein­an­der „ant­wor­ten“ (auch nicht hör­bar „ant­wor­ten“), sind für alle Men­schen grund­le­gend, wir machen sie schon vor unse­rer Geburt. Die 9 Mona­te im Mut­ter­leib sind vol­ler Reso­nanz, eben­so die Geburt selbst, dann die ers­te Luft, die ers­ten tak­ti­len Ein­drü­cke, hof­fent­lich die Bli­cke der Eltern. Rosa schreibt: „Der Blick­wech­sel als mensch­li­che Grund­er­fah­rung, er gehört zu den lebens­spen­den­den Ent­de­ckun­gen des Säuglings“.

Ja die Babys und die klei­nen Kin­der: Was kön­nen wir da nicht alles sehen und … ler­nen. Dazu ein zwei­tes Blitz­licht: Nach mei­ner Pen­sio­nie­rung vor 2 ½ Jah­ren mache ich jetzt wie­der Pup­pen­thea­ter, haupt­säch­lich in Kin­der­gär­ten. Mein Spiel ist auf Inter­ak­ti­on ange­legt, die Kin­der gehen begeis­tert mit und geben laut­stark vie­le tol­le Rat­schlä­ge, die Hand­pup­pen gehen dar­auf ein, Ant­wort folgt auf Ant­wort, es braucht nicht ein­mal Fra­gen. Das ist Reso­nanz pur.

Frü­he Reso­nanz­erfah­run­gen füh­ren dann bei den älter wer­den­den Kin­dern zu Reso­nan­zer­war­tun­gen, die ganz natür­lich sind und völ­lig berech­tigt. Wenn die­se Erwar­tun­gen dann spä­ter ent­täuscht wer­den (ins­be­son­de­re in unse­ren Schu­len), wenn also nur noch sel­ten Reso­nanz­mo­men­te erlebt wer­den, dann kann die Ver­bin­dung zur Welt ernst­haft Scha­den neh­men und man­cher denkt: „Ich glaub‘, ich bin hier falsch.“

Das Gegen­teil von Reso­nanz ist für Rosa übri­gens Ent­frem­dung oder, nach Han­nah Are­ndt, eine „Bezie­hung der Bezie­hungs­lo­sig­keit“. Sub­jekt und Welt ste­hen also ohne jede wirk­li­che Bezie­hung neben­ein­an­der. Rosa drückt es so aus: „Das sagt mir alles nichts, es bedeu­tet mir nichts, ich wer­de dadurch nicht erreicht und ich errei­che auch die Welt da drau­ßen nicht (mehr).“

Die­se Beschrei­bung einer Welt­be­zie­hung ohne Reso­nanz könn­te ohne Wei­te­res aus der Gedan­ken­welt eines … depres­si­ven Men­schen stam­men. Ja: Reso­nanz­lo­sig­keit kann psy­chisch krank machen. Nach einer jüngst von der DAK ver­öf­fent­lich­ten Stu­die haben fast zwei Pro­zent aller Schü­le­rin­nen und Schü­ler eine dia­gnos­ti­zier­te Depres­si­on – die Dun­kel­zif­fer ist hoch.

In Aus­bil­dungs­ma­te­ria­li­en für die Tele­fon­seel­sor­ge habe ich Aus­sa­gen von Mar­tin Wei­mar gefun­den, der die Pro­ble­ma­tik noch zuspitzt. Er schreibt: „Wer sui­zi­dal wird, sagt damit, dass er kei­ne aus­rei­chen­de Reso­nanz fin­det. Sui­zid ist also eine Resonanzstörung.“

In reso­nan­ten Bezie­hun­gen hin­ge­gen sind wir erreich­bar und hal­ten die Umwelt für erreich­bar (so wie die Kin­der im Pup­pen­thea­ter). Wir kön­nen einer­seits sel­ber mit eige­ner Stim­me spre­chen und akzep­tie­ren es ande­rer­seits, ja genie­ßen es sogar, wenn ande­re mit ande­ren, näm­lich ihren eige­nen Stim­men spre­chen. Bezie­hun­gen, die in die­sem Sin­ne reso­nant sind, erfül­len uns, sie ver­bin­den uns mit der Welt, wir füh­len uns in die­sem Moment eben gera­de nicht „falsch hier“, son­dern „genau richtig“.

Nun der Blick auf … unse­re Schu­len: Wel­che Chan­cen bestehen dort heu­te für reso­nan­te Beziehungen?

 

Mei­ne The­se ist: 

Es gibt zwar „Reso­nanz­oa­sen“ (z. B. in Bera­tungs­zim­mern), aber im all­täg­li­chen Betrieb mit sei­nem nor­ma­len „Wahn-Sinn“, also mit der über­bor­den­den Akti­vi­täts­dich­te, den tau­send Ein­zel­re­ge­lun­gen und dem in den Schu­len wirk­sa­men „tat­säch­li­chen Geist des Bil­dungs­sys­tems“ wird die Ent­ste­hung von Reso­nanz­räu­men extrem erschwert oder sogar unmög­lich gemacht. Die­ser „tat­säch­li­che Geist des Bil­dungs­sys­tems“ zeigt sich ins­be­son­de­re in der For­mu­lie­rung von unüber­schau­ba­ren Mas­sen an Zie­len und in der Beschwö­rung bestimm­ter Dog­men wie etwa dem der Ver­gleich­bar­keit und dem der Messbarkeit.

Hart­mut Rosa hat die Pro­ble­ma­tik sehr tref­fend beschrie­ben: „Ers­tens wird mit­tels exak­ter Lehr­plä­ne geplant, wann was gelernt wer­den soll. Zwei­tens wird mit­tels welt­weit ver­glei­chen­der, exak­ter Erhe­bungs­me­tho­den (PISA) genau­es­tens gemes­sen, inwie­weit die Zie­le erreicht wer­den. Und drit­tens wird mit­tels […] einer wis­sen­schaft­li­chen Begleit­for­schung genau bestimmt, wann an wel­chen Stellsch­räub­chen wie gedreht wer­den muss, um die Ergeb­nis­se zu ver­bes­sern. Das jeden­falls ist der Traum aktu­el­ler Bil­dungs­po­li­tik – wenn­gleich jede Leh­re­rin und jeder Leh­rer aus erfah­rungs­ba­sier­ter all­täg­li­cher Arbeit nur all­zu genau weiß, dass Bil­dung so nicht funktioniert.“

Wie „es sein soll­te“ … und wie „es ist“: Dies bei­des klafft in der Wahr­neh­mung vie­ler Lehr­kräf­te immer wei­ter aus­ein­an­der. Das „wie es sein soll­te“ wird durch die Infla­ti­on der Zie­le und Ansprü­che stark aus­ge­dehnt. Das „wie es ist“ ent­fernt sich von die­sen Ansprü­chen immer mehr, und zwar ins­be­son­de­re durch die Tem­po­be­schleu­ni­gung, den Optimierungs‑, Ver­gleich­bar­keits- und Mess­bar­keits­wahn sowie durch die Unüber­schau­bar­keit der Verhältnisse.

Wenn nun also die wach­sen­den Ansprü­che (von außen her und nach außen hin) und die von der ein­zel­nen Lehr­kraft selbst erleb­te Wirk­lich­keit immer wei­ter aus­ein­an­der­klaf­fen, dann macht das Stress bis hin zum Knall (z. B. in Form eines Burn-out oder auch nur der Furcht davor). Man­che ret­ten sich in Zynis­mus oder ande­re Mus­ter, die als leh­rer­spe­zi­fisch gelten.

Hier­zu ein drit­tes Blitz­licht: Ich war Klas­sen­leh­rer einer Klas­se 10 und plan­te eine Dop­pel­stun­de Mathe­ma­tik. Bevor ich mit dem Fach­un­ter­richt begin­nen konn­te, muss­te es an die­sem Tag noch um Fol­gen­des gehen:

  • Ein­ver­ständ­nis­er­klä­run­gen der Eltern zu der Fra­ge: Darf mein Kind auf dem Klas­sen­fo­to erscheinen?
  • Abfra­ge zum Ver­pfle­gungs­kon­zept der Mensa
  • Soge­nann­te „indi­vi­du­el­le Lern­ent­wick­lungs­bö­gen“ als Grund­la­ge für die Eltern­be­ra­tung; in die­se hat­ten die Schü­le­rin­nen und Schü­ler all ihre schrift­li­chen und münd­li­chen Noten regel­mä­ßig einzutragen
  • Pla­nung eines Wandertages
  • Aktua­li­sie­rung des indi­vi­du­el­len Port­fo­li­os zur Berufsorientierung
  • Rück­mel­dun­gen der Betrie­be für das Betriebspraktikum
  • Spiel­ideen für das Fest zur Ein­wei­hung der Kletterwand
  • Infor­ma­tio­nen zur bevor­ste­hen­den Wahl der Pro­fil­fä­cher und der Kurse
  • Und schließ­lich soll­te ich über die Ein­rich­tung einer neu­en AG infor­mie­ren und dazu den Anmel­de­zet­tel in der Klas­se her­um­ge­ben: The­ma der AG: „Tier­freund­lich kochen“

(am Ende kei­ne Eintragung).

Das war genau so. Ohne jetzt einen ein­zel­nen der ins­ge­samt neun Auf­trä­ge abqua­li­fi­zie­ren zu wol­len: Die Mas­se hat mich erschreckt. Dies alles soll­te inner­halb weni­ger Minu­ten „erle­digt“ wer­den. Die ent­ste­hen­de „Abhak­men­ta­li­tät“ ist ein abso­lu­ter Resonanzkiller.

Und irgend­wann … beginnt dann … der Unter­richt. Unter dem Gesichts­punkt der Reso­nanz betrach­tet, ist es ver­rä­te­risch, dass so oft von dem „Stoff“ gespro­chen wird, den es „zu ver­mit­teln“ gilt. Das geht ja allen leicht von der Zun­ge (übri­gens auch Eltern). Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler aber haben eine gute Nase dafür, wenn eine Lehr­kraft fast nur noch dar­auf aus ist, einen bestimm­ten Stoff zu ver­mit­teln (im schlimms­ten Fall sogar Stoff, von des­sen Wich­tig­keit sie selbst gar nicht über­zeugt ist). Da tritt mir als Schü­ler dann in der Lehr­per­son nicht eine Welt gegen­über, die auf Reso­nanz hin ange­legt ist, auf offe­ne Ant­wort­be­zie­hun­gen, son­dern eine Welt, die ganz Kon­kre­tes, Vor­her­seh­ba­res, Ver­gleich­ba­res erwar­tet, die also gera­de nicht offen ist und die dadurch für mich als Schü­ler all­zu oft kalt und letzt­lich stumm bleibt. Da spricht die Welt nicht zu mir, sie hat mir nichts zu sagen. Und da ant­wor­tet auch kei­ne Welt, ich wer­de allein­ge­las­sen. So ent­steht kei­ne trag­fä­hi­ge Weltbeziehung.

Wir soll­ten also erken­nen, dass in unse­ren Schu­len die (berech­tig­ten) Reso­nan­zer­war­tun­gen vie­ler Schü­le­rin­nen und Schü­ler oft ent­täuscht werden.

 

An wen kön­nen wir da ins­be­son­de­re denken?

  • Zunächst ganz offen­sicht­lich an die soge­nann­ten „Schul­ver­wei­ge­rer“
  • dann an die soge­nann­ten Systemsprenger
  • auch an man­che inklu­siv beschul­ten Schü­le­rin­nen und Schüler
  • dann an die Hoch­be­gab­ten in den Regelschulen
  • nicht zu ver­ges­sen an das ein­zel­ne mus­li­mi­sche Kind eines Geflüch­te­ten in einer Klasse
  • aber auch an vie­le ande­re, von außen unschein­bar, die ihre berech­tig­ten Reso­nanz-erwar­tun­gen haben, denen wir in unse­ren Schu­len nicht gerecht wer­den (kön­nen)
  • und übri­gens auch an die­je­ni­gen Schü­le­rin­nen und Schü­ler, die zwei­feln, ob sie sich in der für sie rich­ti­gen Schul­form befin­den (z. B. Gym­na­si­um oder Ober­schu­le,…), wo es also um einen even­tu­el­len Spur­wech­sel geht.

Es kommt nun noch etwas hin­zu, was die Pro­ble­ma­tik ver­schärft: Stän­dig wer­den öffent­lich Reso­nan­zer­war­tun­gen geschürt – manch­mal kom­men sie sogar als „Reso­nanz­ver­spre­chen“ daher. Das klingt dann (nicht nur in Sonn­tags­re­den) z. B. so:

  • „Im Mit­tel­punkt steht der ein­zel­ne Schüler“
  • „Jeder Schü­ler soll indi­vi­du­ell geför­dert werden“
  • Aber auch: „Die Eltern wer­den ernst­ge­nom­men. Der Eltern­wil­le ist entscheidend.“

(Neben­bei gefragt: Wer sind: eigent­lich „die Eltern“?)

  • Und auch: „Auf die Leh­rer­per­sön­lich­keit kommt es an.“

Und gleich­zei­tig gibt es aber jede Men­ge Reso­nanz­er­schwe­rung oder sogar Reso­nanz-ver­hin­de­rung. Neben dem schon ange­spro­che­nen all­täg­li­chen schu­li­schen „Wahn- Sinn“ sind hier auch all­ge­mein­ge­sell­schaft­li­che Phä­no­me­ne von Bedeu­tung, z. B. die … „Digi­ta­li­tis“. Ich will hier nicht ankla­gen, will kei­ne Pro-und Con­tra-Betrach­tung anstel­len, son­dern möch­te nur eini­ge weni­ge Aspek­te der Digi­ta­li­sie­rung betrach­ten, die für reso­nan­te Bezie­hun­gen von Bedeu­tung sind. Was kön­nen wir beobachten?

Zunächst dazu ein vier­tes Blitz­licht: Bevor ich pen­sio­niert wur­de, habe ich in mei­ner letz­ten Gesamt­kon­fe­renz einen Vor­trag gehal­ten mit einem Rück­blick auf mei­ne fast 30 Jah­re Bera­tungs­leh­rer­tä­tig­keit und mit eini­gen Gedan­ken zur Schu­le von heu­te. Von den ins­ge­samt zwölf Tages­ord­nungs­punk­ten die­ser Kon­fe­renz wur­den zehn unter Ein­satz von White­board und Bea­mer gestal­tet, nur zwei nicht: Mein Vor­trag und … die Geneh­mi­gung des Protokolls.

Wenn bei einem Vor­trag auf ein White­board geschaut wird, dann ent­steht im Raum ein Drei­eck: Vor­tra­gen­der – White­board – Zuschau­er. Die Zuschau­er bli­cken fast die gan­ze Zeit auf das White­board, der (oder die) Vor­tra­gen­de oft eben­so. Die frü­her übli­che direk­te Ver­bin­dung zwi­schen Vor­tra­gen­dem und Zuhö­ren­den wird umge­lei­tet, was auf Kos­ten der Reso­nanz geht.

Ins­be­son­de­re kommt es viel sel­te­ner zum Blick­kon­takt zwi­schen dem Vor­tra­gen­den und der Zuhö­rer­schaft, die nicht mehr direkt erreicht wird, son­dern nur noch auf einem Umweg – wenn über­haupt. Salopp gesagt: Reso­nanz ist kei­ne Drei­ecks­be­zie­hung. Das White­board als Matt­schei­be kann mit den Zuhö­ren­den nicht in eine Ant­wort­be­zie­hung tre­ten, die ja auf wech­sel­sei­ti­ges berühr­tes und berüh­ren­des Sen­den und Emp­fan­gen aus­ge­legt ist. Und der Spre­cher gerät meist aus dem Blick, er (bzw. sie) ver­liert an Bedeutung.

Dann zu den Smart­phones – was kön­nen wir beob­ach­ten? Zum Bei­spiel geschäf­ti­ge Eltern, die auf Han­dys star­ren, wäh­rend sie ihren Kin­der­wa­gen schie­ben oder auf der Bank am Spiel­platz sit­zen. Rosa spricht von der „smart­phon­e­fi­xier­ten Kul­tur des gesenk­ten Blicks“. Die­se geht zu Las­ten des Augen­kon­takts im All­tag – ich den­ke, das kennt jeder von uns.

Dann Schü­le­rin­nen und Schü­ler, die auf Han­dys star­ren, weil sie Kon­takt suchen und Kon­takt hal­ten wol­len. Aber Kon­takt ist nicht Reso­nanz. Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler suchen Reso­nanz, erhal­ten aber nur „Rück­mel­dun­gen“ (z. B. in Form von „Likes“). Rosa nennt dies „Reso­nanz­si­mu­la­ti­on“. Eigent­lich ist es wie beim Frust­es­sen: Ich glau­be, es wird mir gut tun, aber hin­ter­her mer­ke ich, wie wenig mir das gebracht hat, es tut mir letzt­lich eben nicht gut. Es bleibt eine inne­re Leere.

Und schließ­lich die Fra­ge: Wie gehen wir mit den Men­gen an Mög­lich­kei­ten um, die uns digi­tal ange­bo­ten wer­den und die für uns – theo­re­tisch – ver­füg­bar sind? Was hat die Nut­zung unse­rer vie­len Mög­lich­kei­ten mit „Reso­nanz“ zu tun?

Dazu ein fünf­tes Blitz­licht: Eine Mut­ter erzählt: „Mei­ne Toch­ter hat neu­lich bei uns eine Par­ty gefei­ert. Ich hör­te die Musik im gan­zen Haus. Was mich wun­der­te: Es wur­de kein Lied zu Ende gespielt. Nach spä­tes­tens einer Minu­te … kam ein neues.“

Weil im Inter­net tau­sen­de Lie­der zur Ver­fü­gung ste­hen, scheint es eine Ver­schwen­dung von Mög­lich­kei­ten zu sein, nicht wenigs­tens hun­dert an einem Abend zu spie­len – d. h. eigent­lich spielt man sie ja nicht, man spielt sie nur „an“, man lässt sich auf das ein­zel­ne Lied nicht wirk­lich ein. Es regiert der Häpp­chen­mo­dus, in dem ich aber kaum je Reso­nanz­erfah­run­gen machen kann.

Rosa sagt es so: „Sozia­le Medi­en zei­gen sehr schön die Sehn­sucht der Men­schen, reso­nant mit der Welt ver­bun­den zu sein. Gera­de des­we­gen sind sie so attrak­tiv, sie gau­keln ech­te Reso­nanz aber nur vor. Die neu­en Medi­en ver­stär­ken noch ein ande­res Ver­hal­ten: Wir haben uns ange­wöhnt, die Welt nach immer inter­es­san­te­ren Optio­nen zu scan­nen. Dahin­ter steckt die Angst, irgend­wo etwas zu ver­pas­sen. Dann kann ich aber nicht in eine Reso­nanz­be­zie­hung tre­ten. Die setzt näm­lich vor­aus, dass man Auf­merk­sam­keit fokus­siert und alles ande­re los­lässt — nach dem Mot­to: Ich wer­de etwas ver­pas­sen, ja, aber das ist mir die Sache wert.“

Ich fas­se zusammen:

  • Ein Haupt­grund für das Gefühl „Ich bin hier falsch“ liegt in der Ent­täu­schung berech­tig­ter Resonanzerwartungen.
  • Reso­nan­zer­war­tun­gen sind natür­li­che Erwar­tun­gen, weil Reso­nanz­erfah­run­gen für jeden Men­schen von Geburt an grund­le­gend sind.
  • Spä­ter im Leben wer­den Reso­nan­zer­war­tun­gen dann immer wie­der neu geschürt. Dies ist beson­ders dann fatal, wenn öffent­lich hoch­tra­ben­de Zie­le und Ansprü­che for­mu­liert wer­den, die ver­mes­sen sind, weil sie eine Ver­füg­bar­keit vor­gau­keln, die es nicht gibt.

Lei­der geschieht dies in öffent­li­chen Debat­ten immer wie­der, ins­be­son­de­re auch von Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­kern. Es wird zu wenig beach­tet, dass die tat­säch­li­che Erfül­lung der for­mu­lier­ten hohen Ansprü­che heut­zu­ta­ge oft von sehr vie­len Bedin­gun­gen abhängt, deren Ein­tre­ten von denen, die die Erfül­lung zu garan­tie­ren ver­spre­chen, kaum oder gar nicht beein­flusst wer­den kann – das führt zu Frust auf allen Sei­ten. Und zu Schuld­zu­wei­sun­gen, die nie­man­dem hel­fen und die nur das Kli­ma ver­gif­ten. Am Ende gibt es nur Verlierer.

  • Reso­nan­zer­war­tun­gen sind immer auch Reso­nanz­hoff­nun­gen. Und als Hoff­nun­gen sind sie see­lisch höchst bedeut­sam. Wer­den sie ent­täuscht, dann neh­men die See­len Schaden.
  • Und wenn es stimmt, dass die Schü­le­rin­nen und Schü­ler, aber auch die Lehr­kräf­te in unse­ren Schu­len immer weni­ger Reso­nanz erle­ben, obwohl Reso­nanz erwar­tet und ver­spro­chen wird, dann ist es kein Wun­der, wenn sich zuneh­mend das Gefühl breit macht: „Ich glaub‘, ich bin hier falsch“.

Was bleibt? Wor­an kön­nen wir uns halten?

Ein schö­nes Bei­spiel dafür, wo und wie Reso­nanz­räu­me ent­ste­hen kön­nen, lie­fert das, was uns allen hier im Raum am Her­zen liegt: Die ver­trau­li­che und geschütz­te Bera­tung durch Bera­tungs­lehr­kräf­te. Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler kom­men frei­wil­lig und zwar oft gera­de des­halb, weil sie sich falsch füh­len oder weil sich etwas falsch anfühlt. Oft fehlt es ihnen an trag­fä­hi­gen reso­nan­ten Bezie­hun­gen. In der Bera­tung wird dann ver­sucht, den Schü­le­rin­nen und Schü­lern dabei zu hel­fen, sol­che Bezie­hun­gen wie­der aufzubauen.

Es ist wich­tig, dass wir alle, die wir von der Bedeu­tung der ver­trau­li­chen Bera­tung in unse­ren Schu­len über­zeugt sind, immer wie­der mit allen vor­han­de­nen Mit­teln ver­su­chen Reso­nanz­räu­me zu ver­tei­di­gen – in der Bera­tung im enge­ren Sin­ne und in der Sys­tem­be­ra­tung des Sys­tems Schu­le gene­rell: Wo sind Reso­nanz­räu­me oder wenigs­tens Reso­nanz­oa­sen? Und wo bzw. wie kön­nen wir sol­che viel­leicht neu schaf­fen – wo es doch gefühlt eine enor­me Reso­nanz­sen­si­bi­li­tät und star­ke Reso­nanz­hoff­nun­gen gibt ? Wenn schu­li­sche Fra­gen erör­tert wer­den, soll­te auf jeden Fall immer auch der Reso­nanz­aspekt mit bedacht werden.

Und eines ist sicher: Arbeits­blät­ter haben kei­ne Augen … und Tablets auch nicht. Sie kön­nen zwar Ant­wor­ten auf Sach­fra­gen lie­fern, aber sie stif­ten kei­ne Reso­nanz­be­zie­hun­gen. Und des­halb leis­ten sie auch kei­nen Bei­trag dazu, dass sich unse­re Schü­le­rin­nen und Schü­ler weni­ger fremd, weni­ger falsch füh­len, als es lei­der oft der Fall ist.

In einem Stern-Inter­view macht uns Hart­mut Rosa immer­hin Mut, wenn er sagt:

„Eigent­lich hören wir den gan­zen Tag über klei­ne Reso­nan­z­ap­pel­le. Wir ant­wor­ten nur nicht. Man kann sich trotz der All­tags­be­wäl­ti­gung öff­nen, neu­gie­rig sein, aus­ge­tre­te­ne Pfa­de ver­las­sen, Din­ge auch mal gesche­hen und sich trei­ben las­sen. Eben „auf-hören“. Es sind die klei­nen Momen­te und Begeg­nun­gen, die den Unter­schied machen. Mit dem Kol­le­gen reden, statt eine Mail zu schrei­ben, beim Kon­zert das Han­dy in der Tasche las­sen, den Part­ner, die Kin­der, die Freun­de wirk­lich wahr­neh­men, dem Obdach­lo­sen auf der Stra­ße einen Blick schen­ken und viel­leicht auch einen Euro. Schon habe ich einen klei­nen Reso­nanz­mo­ment. Es gibt vie­le Spiel­räu­me, die wir nut­zen kön­nen, um nicht nur zu funktionieren.“

In die­sem Sin­ne: Geben wir der Reso­nanz eine Chan­ce, auch und gera­de in unse­ren Schu­len – damit sich alle (und ins­be­son­de­re auch unse­re Schü­le­rin­nen und Schü­ler) öfter rich­tig und sel­te­ner falsch fühlen.

Vie­len Dank für Eure und Ihre Aufmerksamkeit.